09.09.23, 18:16 | Harald Fidler
"Der Desperado des gedruckten Worts"
Der Desperado des gedruckten Worts
Mit einer unautorisierten Biografie über Wolfgang Fellner beschreibt Harald Fidler nicht nur einen Medienmacher, der im Superlativ lebt, sondern auch den heimischen Journalismus.
UTE BAUMHACKL
Eine der erstaunlichsten Karrieren des heimischen Medienwesens nahm ihren Lauf, weil es am 19. September 1968 in Salzburg regnete.
In seinem Kinderzimmer konzipierte an diesem trüben Nachmittag der damals knapp 14 Jahre alte Wolfgang Fellner mit einem Schulfreund den Rennbahn-Express, eine handgeschriebene Schülerzeitung, Auflage: zehn Stück, die die Buben á 2,50 Schilling in der Salzburger Rennbahnsiedlung verkauften. Harald Fidler, Medien-Redakteur der Tageszeitung Der Standard, hat diese Anekdote nicht von ungefähr in sein Buch über “Österreichs manischen Medienmacher” aufgenommen.
Anhand des Rennbahn-Express, der von Fellner und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Helmuth innerhalb weniger Jahre zu Österreichs größter Jugend-Postille gepusht wurde, beschreibt Fidler in schöner ironischer Distanz das Prinzip, nach dem Fellner seither alle seine Zeitungsgründungen durchgezogen hat: Basta, News, tv-media, e-media, Woman – und er legt dar, warum dieses Erfolgsrezept bei Fellners jüngstem Projekt, der Tageszeitung Österreich, nicht mehr so reibungslos funktioniert hat.
Selbstbejubelung in Superlativen, Beigaben vom Papier-Bikini bis zu “Gratis”-Computern und Autobahnvignetten, Gewinnspiele, die Verknüpfung von Annoncen und redaktionellen Inhalten, Gegengeschäfte, Preisschlachten, “Exklusiv”-Geschichten, Umfragen, Rankings zum Saufüttern – akribisch recherchiert beschreibt Fidler Fellners Prinzip der willentlichen Vermanschung von Journalismus und Marketing; und damit ein “Medienphänomen, das immer wieder journalistische Standards unterboten hat und unterbietet”.
Dass Fellner mit seinen Blättern die österreichische Medienszene wesentlich verändert und geprägt hat, wird dabei ebenso offensichtlich wie sein Gespür fürs Geschäft und für geile Geschichten – detto sein immer wieder vollmundig formulierter, aber nie eingelöster Qualitätsanspruch.
Gewünscht hätte man dem Autor ein etwas strengeres Lektorat und der Leserschaft noch mehr Details über die finanziellen und politischen Deals des medialen Kraftmenschen. Insgesamt ein erhellendes Buch, nicht nur über “News” und “Österreich”, auch über Nachrichten und Österreich. Oder, in Wolfgang Fellners Worten: SO IRRE IST UNSERE MEDIENSZENE!!!!!!
Kleine Zeitung, 20. September 2009
